Sie haben jahrzehntelang gespart und investiert – doch wie verwandeln Sie Ihr angespartes Kapital nun in ein zuverlässiges monatliches Einkommen im Ruhestand? Ein durchdachter Entnahmeplan ist der Schlüssel dazu. In diesem Artikel erklären wir Ihnen die wichtigsten Strategien, damit Ihr Geld so lange reicht, wie Sie es brauchen.
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Was ist ein Entnahmeplan?
Ein Entnahmeplan ist eine systematische Strategie, mit der Sie regelmäßig Geld aus Ihrem Vermögen entnehmen – typischerweise monatlich oder jährlich. Dabei wird das verbleibende Kapital weiterhin angelegt und erwirtschaftet Erträge. Die zentrale Frage lautet: Wie viel können Sie sich monatlich auszahlen lassen, ohne dass Ihr Geld vorzeitig aufgebraucht ist?
Im Gegensatz zur gesetzlichen Rente, die lebenslang gezahlt wird, tragen Sie bei einem Entnahmeplan das Risiko selbst. Dafür profitieren Sie von höherer Flexibilität und potenziell höheren Auszahlungen. Viele Ruhestandsplaner kombinieren daher eine Basisrente (gesetzlich oder privat) mit einem ergänzenden Entnahmeplan aus Fondsvermögen.
Die 4 %-Regel: Der Klassiker aus der Trinity Study
Die berühmte 4 %-Regel geht auf die sogenannte Trinity Study (1998) zurück. Die Forscher untersuchten historische Aktien- und Anleiherenditen in den USA über diverse 30-Jahres-Zeiträume. Ihr Ergebnis: Wer jährlich 4 % seines Startvermögens entnimmt und diesen Betrag jährlich an die Inflation anpasst, hätte in über 95 % aller Fälle nach 30 Jahren noch Kapital übrig gehabt.
Konkret bedeutet das: Bei einem Vermögen von 200.000 EUR könnten Sie im ersten Jahr 8.000 EUR entnehmen – also rund 667 EUR pro Monat. Diesen Betrag passen Sie jedes Jahr um die Inflationsrate an. Bei einer durchschnittlichen Inflation von 2 % wären es im zweiten Jahr bereits 8.160 EUR jährlich.
Wichtig: Die 4 %-Regel wurde auf Basis des US-Marktes berechnet, der historisch höhere Renditen erzielte als viele europäische Märkte. Für konservativere Anleger empfehlen viele Finanzplaner daher eine Entnahmerate von 3,0 % bis 3,5 %.
Kapitalverzehr vs. Kapitalerhalt
Beim Entnahmeplan unterscheidet man zwei grundsätzliche Strategien:
- Kapitalverzehr: Sie verbrauchen Ihr Vermögen vollständig über einen definierten Zeitraum. Vorteil: höhere monatliche Entnahmen. Nachteil: Das Geld ist irgendwann aufgebraucht – und Sie müssen den Zeitraum richtig einschätzen.
- Kapitalerhalt: Sie entnehmen nur die laufenden Erträge (Dividenden, Zinsen, Kursgewinne). Das Grundkapital bleibt erhalten und kann vererbt werden. Nachteil: deutlich geringere monatliche Auszahlung.
Ein Mittelweg ist der teilweise Kapitalverzehr: Sie planen, am Ende eines bestimmten Zeitraums noch einen Restbetrag (z. B. 30 % des Startvermögens) übrig zu haben. So haben Sie einen Puffer für unerwartete Ausgaben oder ein längeres Leben als geplant.
Einfluss von Rendite und Inflation
Zwei Faktoren bestimmen maßgeblich, wie lange Ihr Kapital reicht:
Rendite: Je höher die Rendite Ihrer Anlagen, desto mehr können Sie entnehmen. Bei 200.000 EUR Startvermögen und 1.000 EUR monatlicher Entnahme reicht Ihr Kapital bei 0 % Rendite genau 200 Monate (16,7 Jahre). Bei 4 % jährlicher Rendite verlängert sich dieser Zeitraum auf über 25 Jahre, bei 6 % sogar auf über 35 Jahre.
Inflation: Die Inflation frisst die Kaufkraft Ihrer Entnahmen auf. 1.000 EUR heute haben bei 2 % jährlicher Inflation in 20 Jahren nur noch eine Kaufkraft von etwa 672 EUR. Planen Sie daher unbedingt steigende Entnahmen ein oder setzen Sie auf Anlagen, die über der Inflation liegen.
Das Sequence-of-Returns-Risiko
Ein häufig unterschätztes Risiko: Die Reihenfolge der Renditen in den ersten Ruhestandsjahren ist entscheidend. Erleben Sie einen Börsencrash kurz nach Rentenbeginn, entnehmen Sie Kapital zu ungünstigen Kursen – und das restliche Vermögen hat weniger Substanz für die spätere Erholung.
Beispiel: Zwei Rentner starten jeweils mit 200.000 EUR und entnehmen 1.000 EUR/Monat. Rentner A erlebt in den ersten 5 Jahren eine durchschnittliche Rendite von −5 % pro Jahr, danach +8 %. Rentner B erlebt zuerst +8 % und dann −5 %. Obwohl die Durchschnittsrendite gleich ist, hat Rentner A nach 25 Jahren deutlich weniger Kapital als Rentner B – oder ist sogar bereits pleite.
Schützen können Sie sich, indem Sie einen Liquiditätspuffer von 2–3 Jahresausgaben auf einem Tagesgeldkonto halten. So müssen Sie in Crashphasen keine Fondsanteile verkaufen.
Dynamische Entnahmestrategien
Statt starr jeden Monat denselben Betrag zu entnehmen, gibt es flexiblere Ansätze:
- Prozentuale Entnahme: Sie entnehmen jeden Monat einen festen Prozentsatz des aktuellen Vermögens (z. B. 0,33 % monatlich). In guten Zeiten erhalten Sie mehr, in schlechten weniger. Vorteil: Ihr Kapital geht nie auf null. Nachteil: Schwankende Einkünfte.
- Guardrails-Strategie: Sie definieren eine Ober- und Untergrenze. Steigt Ihr Vermögen über die Obergrenze, erhöhen Sie die Entnahme um 10 %. Sinkt es unter die Untergrenze, reduzieren Sie um 10 %.
- Bucket-Strategie: Teilen Sie Ihr Vermögen in drei Töpfe: kurzfristig (Tagesgeld für 2–3 Jahre), mittelfristig (Anleihen für 4–7 Jahre) und langfristig (Aktien-ETFs für 8+ Jahre).
Praktisches Beispiel: 200.000 EUR bei 4 % Entnahme
Nehmen wir an, Sie gehen mit 67 Jahren in Rente und verfügen über 200.000 EUR in einem breit gestreuten ETF-Portfolio. Sie möchten monatlich 1.000 EUR entnehmen (= 12.000 EUR jährlich = 6 % Entnahmerate bei Kapitalverzehr).
- Bei 0 % Rendite: Kapital reicht 16 Jahre und 8 Monate (bis Alter 83).
- Bei 3 % Rendite: Kapital reicht ca. 22 Jahre (bis Alter 89).
- Bei 5 % Rendite: Kapital reicht ca. 30 Jahre (bis Alter 97).
- Bei 4 % Entnahme (667 EUR/Monat) und 5 % Rendite: Das Kapital würde theoretisch nie aufgebraucht und sogar wachsen.
Diese Zahlen verdeutlichen: Schon kleine Unterschiede in der Rendite und Entnahmerate machen über Jahrzehnte einen enormen Unterschied.
Jetzt individuell berechnen: Wie lange reicht Ihr Kapital bei Ihrer gewünschten monatlichen Entnahme? Nutzen Sie unseren kostenlosen Entnahmeplan-Rechner und simulieren Sie verschiedene Szenarien – mit unterschiedlichen Renditen, Inflationsraten und Entnahmestrategien.
Fazit: Planung ist alles
Ein Entnahmeplan erfordert sorgfältige Planung und regelmäßige Überprüfung. Die 4 %-Regel ist ein guter Startpunkt, aber kein Naturgesetz. Berücksichtigen Sie Ihre individuelle Situation: gesetzliche Rente, Lebenserwartung, Risikobereitschaft und gewünschter Lebensstandard. Und: Beginnen Sie früh mit der Planung – idealerweise schon 5–10 Jahre vor dem geplanten Ruhestandsbeginn.